Die kleine WeihnachtZgeschichte
Erika Einweg war eine Wegwerferin. Sobald sie etwas Neues sah, musste sie es haben. Für das „alte Ding“ jedoch hatte sie nur noch Verachtung übrig. Leuchtend traurige Kulleraugen schauten ihr oft entgegen, doch Erika ließ schnell los, und das einstmals so begehrte, immer noch nützliche Ding verschwand klagend in der Restmülltonne.
Eines Tages wollte Erika einen ganzen Sack voll kunterbunter Wolle, Stoffe, Garne, Papier und Eierkartons auf diese Weise entsorgen. Doch als sie am Mülleimer stand, blitzte und toste es plötzlich – aus der Tonne entsprang eine Gestalt, die sich als der „Geist der Materialien von Gestern“ vorstellte. Er griff Erika bei der Hand und zog sie durch einen wirbelnden Müllstrudel mit sich. Gemeinsam flogen sie über eine Welt aus Deponien und qualmenden Schloten. An Fließbändern wurden Dinge produziert, die fast augenblicklich wieder im Feuer der Fabriken landeten. Es war ein schrecklicher Teufelskreis.
In diesem Moment verschwand der Geist und Erika schwebte hinab zu einem warmen, belebten Ort: dem krimZkrams. Inmitten von Knöpfen, Korken und Papier sah Erika Menschen, die sich gegen eine Spende Materialien für neue, kreative Werke mitnahmen. Sie stöberten in gemütlicher Ruhe; ihre Augen funkelten, wenn sie genau das Material fanden, das sie für ihre Ideen brauchten. Nachhaltigkeit war hier eine echte Schatzsuche!
Vor Erika erschien unerwartet eine unerhört bärtige Gestalt und sagte: „Hallo, ich bin der Geist der lebendigen Gegenwart – dies ist eine Materialsammlung und wir sammeln Material.“ Der freundliche Bartgeist führte Erika durch Regale voller Dinge – fantastischer Dinge von hier und da, von damals und heute. „Okay, okay“, sagte Erika staunend, „das ist ja cool. Ich glaube, ich verstehe. Eine weitere Zeitreise wird nicht notwendig sein.“
„Aber du bist doch mittendrin in einer Geschichte, in der es vor allen Dingen um die Zukunft geht“, erwiderte eine Stimme. „Und zwar unser aller Zukunft.“
Plötzlich war Erika ganz allein und kam vor einem Spiegel zum Stehen. An ihm klebte ein Zettel mit den Worten: Geist der visionären Zukunft. Da begriff Erika: Sie selbst hatte es in der Hand. Der Geist der visionären Zukunft war kein Gespenst, das sie erschrecken wollte, sondern das Gesicht, das sie jeden Morgen im Spiegel sah. Die Zukunft war kein Ort, zu dem man reiste, sondern ein Werkstück, das man mit den eigenen Händen formte.
Erika griff nach dem Zettel am Spiegel, faltete ihn sorgfältig zu einem kleinen Papierflieger und ließ ihn aus dem Fenster segeln – ein Gruß an die Welt, die sie ab heute nicht mehr wegwerfen, sondern bewahren würde. Und der Sack mit der Wolle? Der wartete schon ungeduldig darauf, endlich neue Geschichte zu schreiben.
