Die Eröffnungsrede von Anna Spenn für den #engmaschig-Kongress am 9.10.2020

Liebe Teilnehmer*innen und Mitwirkende,

ich bin Anna Spenn und möchte Sie und euch stellvertretend für den kunZstoffe Verein und das #engmaschig-Team zum ersten #engmaschig-Kongress begrüßen! (…)

Wie ist es eigentlich zu diesem Kongress gekommen?

Wir fanden, dass es an der Zeit ist – und eigentlich überfällig ist – Handarbeitende, Designer*innen und Materialproduzent*innen einzuladen, um über Möglichkeiten und Herausforderungen innerhalb der Branche ins Gespräch zu kommen. Es ist nicht so, dass sich Angehörige der Handarbeits – und Textilbranche nicht austauschen. Allerdings ergibt sich daraus in der Regel kein gemeinsames Engagement, es dominiert das Einzelkämpfertum, es fehlt an Wertschätzung, Sichtbarkeit und Vernetzung innerhalb der Branche.

Die Förderung für “Modekultur, Textilien und Nachhaltigkeit“ des Rats für Nachhaltige Entwicklung wollten wir einsetzen, um die Tätigen der Branche mit ihren Anliegen selbst in den Mittelpunkt zu rücken und die Möglichkeiten nachhaltiger Produktion auszuloten.

Wir sind mit unserem Vorhaben auf breites Interesse und Unterstützung gestoßen.

Doch gerade Tätige mit langjähriger autodidaktischer und beruflicher Erfahrung im textilen Bereich sind uns im Laufe unserer Recherche für den Kongress auch immer wieder mit Skepsis und Resignation begegnet. Weil die Erfahrung vorherrscht, dass die Konkurrenz wächst, während die Lobby fehlt und die Bereitschaft der Kunden, einer Schneiderin den gleichen Stundenlohn wie einem Fliesenleger zu zahlen, so gut wie nicht vorhanden ist. Und weil Existenzgründungen gefördert werden, während die Aufmerksamkeit für die Anliegen bestehender Existenzen in der Textilbranche fehlt. Und während die Zahl der ausgebildeten Textil – und Modedesigner*innen steigt und Handwerksberufe aussterben, steigt das Interesse an handarbeiterischen Tätigkeiten im Freizeitbereich.

Hier hat sich eine Diskrepanz zwischen professionellen und erfahrenen Handarbeiter*innen und semi professionell Tätigen entwickelt. Die Sehnsucht nach erfüllender Tätigkeit hat in den vergangenen Jahren nicht wenige Hobby-Handarbeiter*innen mehr oder weniger schleichend in die unternehmerische Tätigkeit geführt. Gerade im handarbeiterischen Bereich scheinen die Grenzen zwischen freizeitlich praktizierten Handarbeitstechniken und professionell betriebener unternehmerischer Tätigkeit zu verschwimmen. Es fehlt oft das Bewusstsein für die Auswirkungen, die die Preisbildung von semi professionell Tätigen auf die Existenzen von professionell Tätigen hat – also derjenigen, die davon leben können müssen.

Und während handarbeiterisches Tätigsein an sich nachweislich positive sozialpsychologische Effekte mit sich bringt, verlieren sich diese Effekte wiederum im Existenzdruck der unternehmerisch Tätigen in der Branche.

Auch die Abgrenzung von Handarbeit und Handwerk ist schwer zu formulieren. Und wo liegt die Grenze zwischen Handarbeit/ Handwerk und Design?

Jede*r Gründer*in steht vor der schwierigen Frage, in welche Schublade die eigene Tätigkeit einzusortieren ist.

Zudem wird der Appell an die Textilbranche laut, der sich natürlich vordergründig auf die industrielle Produktion bezieht, nachhaltiger und vor allem weniger zu produzieren.

Wir wollen uns dafür einsetzen, lokale Handarbeiten und Textilproduktionen miteinander zu vernetzen, sichtbar zu machen und so zu mehr Wertschätzung untereinander und in der öffentlichen Wahrnehmung zu verhelfen.

Wir wenden uns an autodidaktisch erfahrene, beruflich oder ehemals beruflich Tätige innerhalb der Textilbranche, an Student*innen, Auszubildende und junge Unternehmer*innen. Wir wollen die Aufmerksamkeit für die unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen innerhalb der Branche stärken und Erfahrungen, innovative Ideen und gesellschaftliche Bedarfe verknüpfen. Unser Ziel ist eine nachhaltigere und transparentere Produktion im Raum Leipzig, durch Mittel und Fertigkeiten, die vor Ort erreichbar sind.

Warum nennen wir diese Branchen interne Verabredung einen “Kongress”?

Manch einer und einem war es nicht ganz geheuer, als sie bzw. er von mir mit der Anfrage um eine Beteiligung am #engmaschig-Kongresses konfrontiert wurde.

Wir nennen es trotzdem Kongress.

Weil wir signalisieren wollen: Handarbeit ist auch zukünftig von Bedeutung und die Tätigen in der Handarbeits – und Textilbranche verdienen Wertschätzung für ihre Fähigkeiten und sie verdienen einen Kongress, der ihre Anliegen und ihre ökologische und gesellschaftliche Verantwortung thematisiert. (…)

Wir wollen mit positiven Beispielen vorangehen:

So haben Sie – habt ihr im Anschluss an die Mittagspause zum Unternehmer*innen-Café die Gelegenheit mit Vertretern aus der Bandbreite der regionalen Textilbranche ins Gespräch zu kommen. Mit Vertretern von Projekten und Unternehmen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien, die die Produktion von Textilien mit Nachhaltigkeitsaspekten verbinden.

Dieser Kongress soll Raum geben für Information und anregen gemeinsam ins Machen zu kommen, im Open Space eigene Anliegen und Ideen anzusprechen und sich über diesen Kongress hinaus zu vernetzen. Wir möchten den roten Faden halten, Informationen und Anliegen zusammentragen und weitergeben.

Am schwarzen Brett in der 2. Etage sammeln wir Infos über Netzwerke und Ansprechpartner*innen in der Region. Es besteht die Möglichkeit sich in einen Newsletter und das Branchenbuch der Handarbeit einzutragen…

Da es über die Situation der Handarbeitenden und Tätigen in der regionalen Textilbranche nahezu kein Datenmaterial gibt, wollen wir uns dazu ein eigenes Bild machen und haben eine Umfrage auf dem sächsischen Beteiligungsportal zur Situation textil Handarbeitender in Leipzig, sachsen- und deutschlandweit gestartet, an der Sie und ihr noch bis zum 30.11.2020 teilnehmen könnt.

Und ich möchte an dieser Stelle auch auf unseren Stream hinweisen: Wir freuen uns sehr, dass wir auf diesem Wege weitere Projekte in den Kongress einbinden können. So zum Beispiel Fab City Hamburg. Fab City ist ein globales Projekt mit dem Vorhaben, dass bis 2038 alle größeren Städte produzieren sollten, was sie verbrauchen. Hamburg ist die erste deutsche Stadt, die sich diesem Projekt angeschlossen hat.

Na, springt der Funke schon über? Wir wünschen uns, dass sich Menschen hier vor Ort informieren und vernetzen und gemeinsam Projekte starten und vorhandene Projekte stärken.

Wir sind so weit. Lassen Sie und lasst ihr uns gemeinsam starten. Danke!


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#engmaschig – Kongress für Handarbeit und nachhaltige Textilien
ist ein Projekt von kunZstoffe – urbane Ideenwerkstatt e.V. in Kooperation mit dem GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig und KREATIVES SACHSEN. Es ist gefördert durch Fonds Nachhaltigkeitskultur des Rats für nachhaltige Entwicklung.